„Pflegebedürftigkeit wird immer stärker zum Armutsrisiko von Menschen im Alter“, sagt Henrike Regenstein, Vorstand des Diakonischen Werks Mecklenburg-Vorpommern e.V. „Armut bedeutet viel mehr als das Fehlen von Geld. Armut schränkt die Teilhabe älterer Menschen ein, sie führt zu Einsamkeit und Krankheit.“
Bereits jetzt sind Rentner:innen in Mecklenburg-Vorpommern im Bundesvergleich überdurchschnittlich oft von Armut gefährdet. So gelten über 21 Prozent der über 65 Jährigen als armutsgefährdet. Ein Grund liegt in den bundesweit niedrigsten Renten von durchschnittlich 1.120 Euro im Monat. Gleichzeitig sind Kosten für Miete, Mobilität und Lebenshaltung insbesondere die Energiekosten, in den letzten Jahren überproportional gestiegen. Der Anstieg von Grundsicherungsempfänger im Rentenalter von ca. 61 % in den Jahren 2020 bis 2025 ist ein deutliches Zeichen dieser Entwicklung.
Hinzu kommen neue Belastungen: „Die steigenden Eigenanteile in Pflegeeinrichtungen ohne eine Deckelung und die Leistungskürzungen in der ambulanten Pflege, die die Reform der gesetzlichen Pflegeversicherung derzeit vorsehen, werden diese Situation weiter verschärfen,“ warnt Henrike Regenstein.
Bereits jetzt müssen immer mehr Menschen die Hilfe zur Pflege, eine Sozialhilfeleistung für Personen mit einem Pflegegrad, beantragen. 2025 stieg die Nachfrage in allen Landkreisen Mecklenburg-Vorpommerns im Vergleich zu 2022 um ca. 33 % an. Bearbeitungszeiten von teilweise über sechs Monaten verschärfen die finanziellen Engpässe bei den Pflegebedürftigen zusätzlich. Allerdings nimmt jede:r zweite Anspruchsberechtigte die Hilfe zur Pflege, Grundsicherung oder Wohngeld nicht in Anspruch – aus Unwissenheit, Scham oder wegen bürokratischer Hürden.
Viele ältere Menschen können sich deshalb grundlegende Dinge wie Ausflüge und Begegnung nicht mehr leisten. Insbesondere in den ländlichen Regionen sind für Rentner:innen fehlende soziale Teilhabe, Einsamkeit und eine schlechtere medizinische Versorgung die Folge.
„Die neu gewählte Landesregierung muss sich mit aller Kraft auf Bundesebene für Nachbesserungen am vorliegenden Gesetzentwurf für das Pflegeneuordnungsgesetz einsetzen, um die Altersarmut in M-V nicht weiter zu verschärfen,“ fordert Henrike Regenstein die Landesregierung auf. „Armut ist kein individuelles Versagen, sondern das Ergebnis struktureller sozialer Bedingungen – und sie lässt sich nur durch gezielte Maßnahmen überwinden. Mecklenburg-Vorpommern braucht eine Sozialpolitik, die Armut verhindert, bevor sie entsteht – nicht erst, wenn Menschen bereits in der Not sind.“
Weitere konkrete Maßnahmen der neuen Landesregierung, um Altersarmut und ihre Folgen einzudämmen, wären zudem Begegnungsstätten, Mobilitätshilfen und Kulturangebote in ländlichen Regionen zu erhalten bzw. auszubauen. Die Grundsicherung im Alter sollte automatisch angeboten werden, wenn die Rente und Einkommen nicht zum Leben reichen. Antragsverfahren müssen vereinfacht werden, bürokratische Hürden abgebaut und Beratungsangebote auskömmlich finanziert sein.
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