UNERHÖRT-Forum in Güstrow: Menschen mit Behinderung im Fokus – „Teilhabe ermöglichen – Zusammenhalt fördern: Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft!?“

Ulrich Lilie im Gespräch auf dem Wichernhof
Foto: Holger Martens
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Unerhört Forum: Birger Fust, Ulrich Lilie, Björn Kozik, Henrike Regenstein (v.li.)
Foto: Holger Martens

03.09.2019 | Güstrow. Zuhören war das Motto des UNERHÖRT-Forums „Teilhabe ermöglichen – Zusammenhalt fördern: Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft!?“, welches am 29. August 2019 im Derzschen Hof in Güstrow stattfand. Menschen mit Behinderung standen im Fokus der Diskussion mit Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, Sozialministerin Stefanie Drese, dem Bürgerbeauftragten des Landes M-V Matthias Crone, Henrike Regenstein, Vorständin des Diakonischen Werkes M-V, Björn Kozik, Bereichsleiter Behindertenhilfe der Diakonie Güstrow sowie Birger Fust, Mitarbeiter des Derzschen Hofes.

Hintergrund des Gespräches war die dritte und größte Stufe der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) zum 01.01.2020, die umfassende Veränderungen für Menschen mit Behinderung bedeutet mit dem Ziel einer höheren Selbstbestimmung. Aktuell laufen die Verhandlungen in Mecklenburg-Vorpommern zu einem Landesrahmenvertrag. Die Diakonie nahm dies zum Anlass, um mit Entscheidern, Betroffenen und Leistungserbringern ins Gespräch zu kommen.

Henrike Regenstein mahnte im Namen der Diakonie M-V an, dass keine Leistungslücken für Menschen mit Teilhabebedarf entstehen dürfen, sondern bei der Bedarfsermittlung mit personenzentriertem Ansatz auch der gesamte Bedarf abgebildet werden muss. Zudem sei sicherzustellen, dass die Menschen im gesamten Land die gleichen Bedingungen vorfinden. Dass dies selbst in unterschiedlichen Landkreisen nicht gegeben sei, erläuterte Björn Kozik an einem Beispiel aus seiner täglichen Arbeit. Außerdem äußerte Kozik seine Befürchtung, dass Menschen mit Pflegebedarf und gleichzeitigem Teilhabebedarf in die Pflege abgeschoben werden könnten. „Doch gerade diese Menschen brauchen Teilhabe, damit sie beispielsweise selbstverletzendes oder übergriffiges Verhalten vermeiden können.“

Diskutiert wurde auch der Integrierte Teilhabeplan (ITP), ein Instrument zur Bedarfsfeststellung des Menschen mit Behinderung anhand individueller Ziele. Konkret ging es um die Frage, wie für einen Menschen mit Behinderung Ziele so formuliert werden, damit die zur Zielerreichung erforderlichen Maßnahmen auch vollumfänglich und plausibel abgebildet und damit refinanziert werden können. Kozik fragte, wie man das beispielsweise bei einem Menschen mache, der jemanden braucht, der für ihn 200 mal am Stück in die Hände klatscht, damit er sich psychisch stabilisiert, um danach die als Ziel formulierten 20 Minuten auf der Terrasse verbringen zu können.

Ulrich Lilie forderte Einzelfallregelungen für komplexe Probleme. Er äußerte die Sorge, dass es anderenfalls zu Regelungen wie bei der Pflegeversicherung komme mit dem Ergebnis einer starken Bürokratisierung bei nicht verbesserter Teilhabe. Sozialministerin Stefanie Drese teilte diese Einschätzung. Die Umsetzung des BTHG sei die größte Verwaltungsreform seit langem und gerade auf die Landkreise, die diese umsetzen müssen, käme viel Arbeit zu, so Drese. Die Arbeit sei auch nach dem Landesrahmenvertrag noch lange nicht abgeschlossen. Matthias Crone sagte, dass das Teilhabebedürfnis der Menschen so unterschiedlich sei wie es Menschen gebe.

Birger Fust wies als Betroffener auf die immer noch bestehenden Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung hin. So höre er oft, Menschen mit Behinderung hätten keine Interessen. Das sei falsch. Teilhabe sei mehr als das BTHG. Teilhabe heiße für ihn, mitten in der Stadt zu wohnen und sich diese Wohnung auch leisten zu können sowie auch ins Kino oder Theater zu gehen. Das Miteinander reden und zuhören ist bei diesem komplexen Thema maßgeblich und so resümierte Moderatorin Dörthe Graner, dass an diesem Abend niemand unerhört geblieben sei.

Bereits im Vorfeld der Veranstaltung hatten sich Diakonie-Präsident Lilie, Sozialministerin Drese und Landespastor Paul Philipps auf dem Wichernhof in Dehmen bei Güstrow Einblicke in das Leben von Menschen mit Behinderung in einer stationären Einrichtung verschafft. Lilie betonte die Bedeutsamkeit solcher Einrichtungen auf dem Lande, die Menschen mit mehrfachen Behinderungen einen größeren Freiraum erlauben als in der Stadt.

Die Diakonie Deutschland wirbt seit 2018 mit ihrer deutschlandweiten Kampagne UNERHÖRT für eine offene Gesellschaft und will Diskussionen rund um soziale Teilhabe anstoßen und führen. Im Oktober 2018 erschien Ulrich Lilies Buch „Unerhört! Vom Verlieren und Finden des Zusammenhalts“ im Herder Verlag.

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