Jugendliche brauchen Perspektiven - Fachleute aus der Jugendsozialarbeit sehen Handlungsbedarf

17.10.2017 | Schwerin. Jugendliche im Übergang von der Schule in die Ausbildung oder den Beruf brauchen mehr Unterstützung. Das stellt der 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundes­regierung fest. „Dies wird besonders in den ländlichen Regionen deutlich“, sagt Henrike Regen­stein, Vorstand des Diakonischen Werkes in Mecklenburg-Vorpommern. „Jugendspezifische Freizeitangebote, außerschulische Bildungsangebote und Ausbildungsmöglichkeiten brechen weg.

Mecklenburg-Vorpommern ist wie ein Brennglas für die gesamte Republik. Probleme, die sich hier bereits sehr deutlich abzeichnen oder sogar schon unter den Nägeln brennen, müs­sen demnächst auch bundesweit von allen anderen gesellschaftlichen Akteuren gelöst wer­den.“

Am Mittwoch, 18.10.2017, beraten MultiplikatorInnen, Leitungskräfte und Fachkräfte der Ju­gendhilfe und Jugendsozialarbeit aus dem ganzen Bundesgebiet bei einer Tagung in Schwerin unter der Überschrift: „Gesellschaft im Wandel: Wohin bricht die Jugendsozialarbeit auf?“ die aktuellen Entwicklungen und den Handlungsbedarf. Veranstalter sind die Bundesarbeitsge­meinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA) und das Diakonischen Werk Meck­lenburg-Vorpommern.

Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel. „In den Veränderungen, die der Wandel mit sich bringt, liegen zwar große Chancen, es besteht aber auch die Gefahr, dass eine zunehmende Anzahl von Menschen sich abgehängt fühlt und Ängste um ihre eigene Zukunft entwickelt“, sagt Doris Beneke, Sprecherin des Vorstandes der BAG EJSA. „Misstrauen gegenüber der Politik, Ressentiments und Abwehr gegenüber eingewanderten oder neu hinzukommenden Menschen sowie ein Erstarken von Demokratiefeindlichkeit und Rassismus sind Phänomene, die wir vor diesem Hintergrund deutlich wahrnehmen und die große Herausforderungen für un­sere Gesellschaft mit sich bringen.“

Die Jugendsozialarbeit ist mit ihrer Erfahrung und ihrem fachlichen Knowhow ein kompetenter Partner, diesen Wandel mitzugestalten. „Die Expertise der Mitarbeitenden in der Jugendsozial­arbeit ist für die Politik wichtig“, betont Doris Beneke. Jugendliche, die sich in schwierigen Le­benssituationen alleine gelassen fühlen, die keine Perspektive für sich sehen, müssen an den richtigen Stellen und zum richtigen Zeitpunkt Unterstützung erhalten, damit sie sowohl sozial als auch beruflich ihren Platz in der Gesellschaft finden können.

Einen besonderen Handlungsbedarf sehen die ExpertInnen bei Jugendlichen, die volljährig werden, aber häufig noch nicht fähig sind, ihr Leben selbstständig in die Hand zu nehmen. Dazu gehören auch die Jugendlichen, die in den letzten Jahren nach Deutschland eingewan­dert sind. Zwar sieht die Jugendhilfe Hilfen für junge Volljährige vor. Diese werden jedoch häu­fig nicht gewährt. Es müssen alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, damit die Hilfen nicht mit Vollendung des 18. Lebensjahres enden. Auch muss mehr investiert werden, um passende Angebote entwickeln und vorhalten zu können.

 

Weitere Informationen:

Was brauchen Jugendliche, damit ihr soziale und gesellschaftliche Inte­gration gelingt?

1. Jugendliche im ländlichen Raum brauchen Angebote und Perspektiven!

Im ländlichen Raum sind Jugendliche durch den demografischen Wandel und Strukturverände­rungen besonders davon betroffen, dass jugendspezifische Freizeitangebote, außerschulische Bildungsangebote und Ausbildungsmöglichkeiten wegbrechen. Ganz bewusst und gezielt muss hier in die Infrastruktur investiert werden. Die Jugendsozialarbeit muss dahin kommen können, wo die Jugendlichen leben.

2. Jugendliche in der Schule brauchen mehr als Unterricht!

Neben einem durchstrukturierten Ganztag in der Schule verlangt die Lebenswelt von Jugendli­chen auch andere Erfahrungsräume, die nicht im Kontext von Schule organisiert sind. Sozial­räumliche eigenständige Angebote der Jugendsozialarbeit müssen ausgebaut und auf solide fi­nanzielle Füße gestellt werden.

3. Jugendliche brauchen auch andere Formen des beruflichen Lernens!

Nicht jeder Jugendliche schafft problemlos den Einstieg in eine Ausbildung. Neben der Mög­lichkeit einer sozialpädagogischen Begleitung während der Ausbildung muss es daher verstärkt auch niedrigschwellige Angebote geben, in denen durch produktives Lernen eine Heranführung an eine berufliche Qualifizierung möglich ist.

4. Jugendliche brauchen Wertschätzung und Beteiligung!

Du bist wertvoll vor jeder Leistung! Diese Gewissheit brauchen Jugendliche, um sich entfalten zu können. Aber auch, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln, damit sie sich eigenverantwortlich in ihrem Lebensumfeld und in der Gesellschaft beteiligen können. Neue Wege und Formen, Be­teiligung zu ermöglichen, müssen entwickelt und erprobt werden.

5. Jugendliche über 18 brauchen Hilfe bevor sie zum „Fall“ werden!

Auch junge Volljährige, die sozialpädagogischen Unterstützungsbedarf haben, brauchen eine angemessene Begleitung und eine ihrem Bedarf entsprechende Förderung. Die Möglichkeiten der Jugendhilfe enden aber meist bei Vollendung des 18. Lebensjahres. Hier müssen mehr passende Angebote entwickelt und vorgehalten werden.

ch/et/gw 17.10.2017

 

nach oben