Bundesfreiwillige erzählt: "Ich habe meinen Platz gefunden."

Foto: Arne Draeger

13.08.2018 | Schwerin. Im Interview mit dem Diakonie Landesverband Mecklenburg-Vorpommern berichtet Marcia Welter über ihren Bundesfreiwilligendienst mit behinderten Menschen beim Diakoniewerk Neues Ufer gGmbH in Rampe.

Die 40-jährige Brasilianerin lebt seit Oktober 2015 mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn in Deutschland, zunächst in Gütersloh und seit 2017 in Schwerin.

Seit wann sind Sie als Bundesfreiwillige in der Diakonie tätig und welche Tätigkeiten üben Sie aus?

„Seit Februar 2018 begleite ich behinderte Menschen im Berufsbildungsbereich beim Diakoniewerk Neues Ufer in Rampe. Wir machen zusammen Sport, kochen, basteln oder malen. Reden ist sehr wichtig. Ich höre den behinderten Menschen gern zu, denn ich interessiere mich für ihre Geschichte.“

Sie selbst haben auch eine interessante Geschichte. Ende 2015 haben Sie Ihre Heimat Brasilien verlassen und sind mit Ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Was waren die Gründe für diesen Schritt?

„Mein Ehemann ist Deutscher. Nach seinem Studium in Deutschland lebte er mit mir in Brasilien. Es gab jedoch viele Probleme. Einerseits spielte die politische und wirtschaftliche Krise in Brasilien eine Rolle, andererseits die Gesundheitsfürsorge. Unser Sohn musste damals nephrologisch behandelt werden. In Deutschland ist die Qualität der medizinischen Versorgung besser. Mittlerweile ist unser Sohn gesund.“

In Deutschland haben Sie sich zunächst um Ihren kleinen Sohn gekümmert. Wie kamen Sie auf die Idee, den Bundesfreiwilligendienst zu absolvieren? Dieser steht – anders als das Freiwillige Soziale Jahr – auch Erwachsenen ab 27 Jahren offen.

„Ich nahm an dem Projekt „She works“ der Agentur der Wirtschaft teil. Das Projekt unterstützt Mütter mit Migrationshintergrund, wieder berufstätig zu werden. Das Job Coaching hat mir sehr geholfen und es war sehr wichtig. Zuvor war ich ohne Perspektive und für einen Moment dachte ich daran, aufzugeben. Dann wurde mir im November 2017 ein Praktikum im Diakoniewerk vermittelt. Die Arbeit mit Behinderten hat mir viel Freude bereitet. Ich wollte so viel wie möglich mitnehmen und lernen. So ergab es sich, dass ich für ein Jahr lang den Bundesfreiwilligendienst dort absolvieren darf. Bei der Diakonie stellte ich fest, dass die Arbeit mit Menschen mit Behinderung für mich eine mögliche berufliche Perspektive bedeutet. Ich bin eine sehr geduldige, kommunikative Person und ich mag diese Atmosphäre von Unterschieden und Gleichheiten.“

Was bedeutet es für Sie, Bundesfreiwillige zu sein?

„Ich habe meine Richtung gefunden! In Brasilien arbeitete ich in einem Krankenhaus als Sozialarbeiterin. Die Patienten wurden von mir in sozialrechtlichen Fragen beraten und in finanziellen oder ambulanten Hilfen unterstützt. Die Kompetenz, mit Menschen zu arbeiten, war eine tägliche Notwendigkeit. Meine jetzige Arbeit mit Behinderten ist bereichernd und sehr motivierend für mich. Ich bin noch näher an den Menschen dran als damals und habe so viel Spaß dabei.“

Ohne den Bundesfreiwilligendienst wären Sie also nie auf den Gedanken gekommen, dass die Arbeit mit behinderten Menschen eine erfüllende berufliche Perspektive für Sie sein könnte?

„Nein, es war eine Überraschung für mich. In Brasilien dachte ich, Behinderte seien so schwer verständlich. Hier habe ich eine andere Erfahrung gemacht. Ich wurde so herzlich aufgenommen. Die Behinderten sind sehr verschieden, jeder hat seine Schwierigkeiten und wir haben die Chance, zusammen Erfahrungen zu sammeln. Es hat sich für mich eine große Tür geöffnet. Ich habe meinen Platz gefunden.“

Es gibt 12 Seminare, die Bestandteil der Freiwilligendienste sind, an denen Sie gemeinsam mit anderen Freiwilligen teilnehmen. An welchem konnten Sie bisher teilnehmen und was bedeuten diese Seminare für Sie?

„Bisher habe ich an Seminaren in Güstrow, Berlin und Boltenhagen teilgenommen und diese waren sehr schön. Es gab Zeit für Gespräche und Reflexionen zu wichtigen Themen, wie beispielsweise „Vorurteile“. Wir haben verschiedene Aufgaben bekommen, um uns besser kennenzulernen und gegenseitig zu verstehen. Der Austausch mit den anderen war toll. Außerdem haben wir interessante Museen besucht und waren sogar im Bundestag in Berlin. Das war total schön und ich bin froh, dass ich dies erleben durfte. Besonders gefällt mir die Stimmung während der Seminare. Es ist eine Pause vom Alltag und die Reflexionen bringen mich persönlich weiter.“

Wissen Sie schon, was Sie nach dem Bundesfreiwilligendienst machen? Welche Pläne haben Sie für Ihre berufliche Zukunft?

„Ich habe meinen Platz gefunden und hoffe, dass ich die Möglichkeit bekomme, nach dem Bundesfreiwilligendienst bei der Diakonie weiter mit behinderten Menschen arbeiten zu dürfen. Hierzu muss ich lernen, besser Deutsch zu schreiben und zu sprechen. Es ist schwer, einen Platz in einem Kurs zu bekommen. Aber ich gebe nicht auf!“

Was würden Sie einem Freund raten, der überlegt, ob er sich im Bundesfreiwilligendienst engagieren soll und noch Zweifel hat?

„Lass Dich überraschen! Das ist ein Weg, etwas Neues auszuprobieren und weiterzugehen. Für mich war es super. Ich habe ein Jahr in Gütersloh gelebt. Dort bleiben viele Frauen lange mit ihren Kindern zu Hause. Viele sagten mir, sie fänden keinen Job. Der BFD ist eine tolle Chance auch für diese Mütter. Die Seminare zwischendurch schenken mir Zeit für Reflexionen. Ich bekomme ein Jahr an Zeit. Persönlich nehme ich so viel mit. Das ist toll.“

 

kl 13.08.2018

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