Aktuelles Engagement der Diakonie in Mecklenburg-Vorpommern für Flüchtlinge

22.09.2015 | Schwerin. Auf der Landespressekonferenz am 22.09.2015 stellte Diakoniepastor Martin Scriba das aktuelle Engagement der Diakonie in Mecklenburg-Vorpommern für Flüchtlinge vor. Anlaß war der Aufruf der Bischöfe, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Wir dokumentieren an dieser Stelle die Pressemeldung zur Landespressekonferenz.

Die Situation

Knapp 60 Millionen Menschen weltweit fliehen derzeit vor Kriegen, Verfolgung und Konflik­ten. Das ist die höchste Zahl, die jemals vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNH­CR) dokumentiert wurde. In den letzten Jahren sind viele Flüchtlinge auf der Suche nach Frieden, Schutz und Sicherheit nach Europa gekommen. 2014 stellten 626.000 Men­schen Asylanträge in der EU, das ist der höchste Stand seit 1992.

171.798 Asylanträge (Erst- und Folgeanträge) sind in den ersten sechs Monaten 2015 beim BAMF eingegangen. Das sind 129,2 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2014 – hier sind 74.942 Asylanträge eingegangen.

Abfrage in der Diakonie Mecklenburg-Vorpomm­ern

Mit einem Aufruf hatte sich der Landespastor für Diakonie in Mecklenburg-Vorpommern, Martin Scriba, am Montag, 16.09.2015 an die Träger der diakonischen Arbeit vor Ort ge­wandt, derzeit nicht genutzte Räume oder Immobilien für die Unterbringung von Flüchtlin­gen zur Verfügung zu stellen. Eine erste Reaktion diakonischer Träger ergab, dass in den verschiedenen Regionen des Landes insgesamt eine Kapazität von ca. 260 Plätzen her­gerichtet werden könne.

"Die Rückmeldungen der vergangenen Tage zeigen, dass es kaum einen Träger der Dia­konie gibt, der nicht in irgendeiner Form mit dem Thema Flüchtlinge befasst ist. Das reicht von der Beratung über soziale Begleitung bis hin zu medizinischen Erstuntersuchungen", berichtet Diakoniepastor Martin Scriba.

Aufruf der Bi­schöfe

Die Diakonie folgte damit einem Aufruf des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Dr. Bedford-Strohm, der um Unterstützung bei der Unterbrin­gung von Flüchtlingen bat. Diese Bitte gaben die Bischöfe in Mecklenburg-Vorpommern Dr. Hans-Jürgen Abromeit und Dr. Andreas von Maltzahn an die Kirchengemeinden sowie Dienste und Werke weiter.

Heraus­forderung Unterbringung

Für die Erstaufnahme in Horst und Stern-Buchholz und in den Notunterkünften ist der Bund zuständig. Ohne das organisatorische und logistische Engagement des Landes und die Unterstützung von Freiwilligenorganisationen, die in diesem Bereich über die ent­sprechende Erfahrung verfügen, wäre die Unterbringung jedoch nicht zu gewährleisten. Betrieben werden die Erstaufnahme-Ein­richtungen u. a. vom Malteserhilfswerk, von EHC (European Home Care) dem Ökohaus Rostock e. V., die geplante Unterkunft in Mühlenge­ez ( MELA) vom Kreisverband des Roten Kreuzes. Da in Erstaufmahmeeinrichtungen die Kapazitätsgrenze erreicht ist, gibt es inzwischen weitere Notunterkünfte. Hier­zu sind aktu­ell die Diakonie und auch die anderen Wohlfahrtsverbände angefragt.

Im Bereich der kreislichen Gemeinschaftsunterkünfte ist die Diakonie von den Kreisen und kreisfreien Städten angefragt, sich zu engagieren. Auch hier haben die Träger der Einrich­tungen ihre Belastungsgrenzen erreicht. Es gilt, die Verantwortung für den Betrieb der Ge­meinschaftsunterkünfte auf mehr Schultern zu verteilen. Das Personal hierfür muss jedoch erst gewonnen werden. Diakoniepastor Martin Scriba ermutigt die diako­nischen Träger, sich zu engagieren und als Anstellungsträger zu fungieren. Verschiedene diakonische Träger füh­ren derzeit Gespräche über die Rahmenbedingungen.

Heraus­forderung soziale Beglei­tung

Im Bereich der dezentralen Unterbringung sind verschiedene diakonischer Träger in der sozialen Begleitung unterwegs. Allerdings sind die Mitarbeitenden an der Kapazitäts- und Belastungsgrenze angelangt. Hier muss überall dringend Personal aufgestockt werden, denn die dezentrale Unterbringung mit weiten Wegen stellt die Mitarbeitenden in der so­zialen Begleitung vor große Herausforderungen.

"Wir brauchen eine angemessene Personal-Betreuungsrelation, die eine adäquate Begleit­ung möglich macht", formuliert Diakoniepastor Martin Scriba seine Wünsche an das Land.

Blaues Kreuz Zahren (Eggesin)

Das Blaue Kreuz in Eggesin z.B. engagiert sich bei der sozialen Beglei­tung dezentral un­tergebrachter Flüchtlinge. Dabei betreuen vier Mitarbeiterinnen des Blauen Kreuzes ca. 300 Asylbewerber in Eggesin. Zusätzlich zu den Betreuungsaufgaben organisiert das Blaue Kreuz Kinderfes­te und Spendenaktionen, etc.

CDJ Waren

In Waren/Müritz sind Kirche und Diakonie gemeinsam unterwegs. Die beiden evangeli­schen Kirchengemeinden in Waren/Müritz laden zu Veranstaltungen, Chören und Angebo­ten für Kinder ein und sind gemeinsam mit der Stadt, den Vereinen und dem Christlichem Jugenddorfwerk (CJD) am Runden Tisch „Willkommensgipfel“ beteiligt. Auch an der Face­book-Initiative „Flüchtlinge – Willkommen an der Müritz“ beteiligen sich die beiden evange­lischen Gemeinden aktiv.

Das CJD Waren unterstützt die dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge in Wohnungen durch soziale Begleitung. Hier sind inzwischen mindestens 16 Mitarbeitende an fünf Standorten im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte aktiv. Sie betreuen dort rund 1200 Flüchtlinge.

JAM Bad Sülze

Die Jugendhaus Alte Molkerei gGmbh. (JAM) ist für 60 bis 100 dezentral untergebrach­te Flüchtlinge in der sozialen Begleitung zuständig. Zwei Mitarbeitende sind dabei in Mar­low und Ribnitz- Damgarten in der Betreuung unterwegs.

Rostocker Stadtmissi­on

Die Rostocker Stadtmission in Rostock betreut zwölf Flüchtlinge dezentral in Wohnungen und nimmt zusätzlich Flüchtlinge im Integrativen Betreuungszentrum auf. Angeboten wer­den auch kostenlose Sprachkurse für Syrer und Albaner.

Heraus­forderung Beratung

Die Diakonie in Mecklenburg-Vorpommern unterhält zwölf spezielle Migrationsdienste für Jugendliche und Erwachsene mit Migrationshintergrund. Hier werden eingewanderte und geflüchtete Menschen bei migrationsspezifischen Fragen und Problemen des täglichen Lebens beraten und unterstützt. Diese gemeinwesenorientierte Angebote helfen, dass sich die Ratsuchenden in Deutschland zurecht finden und integrieren können. Sie fördern das Zusammenspiel mit Integrationskursträgern, Kindertagesstätten, Schulen und Behör­den wie auch die Begegnung mit Einheimischen am Ort.

Im Gespräch ist, dass die Nordkirche 150.000 Euro für die Aufstockung der Beratungska­pazität zur Verfügung stellt. Auch Sprachmittler sollen angestellt werden. Dabei wird das dichte Netzwerk der diakonischen Einrichtungen im Land genutzt.

Übersicht der Dienste: www.diakonie-mv.de/diakonie-vor-ort

Psychosoziales Zen­trum für Mecklenbur­g-Vorpommern in Greifswald

Das Pychosoziale Zentrum des Kreisdiakonischen Werkes in Greifswald (Kapaunenstraße 10, 17489 Greifswald) unterstützt mit seinem ambulanten psychotherapeutischen Angebot Ausländer mit psychischen Erkrankungen wie De­pression und posttraumatischer Belas­tungsstörung. Es gibt Überlegungen, diese spezielle Beratung auch in Schwerin zu eta­blieren.

Regelangebote der evange­lischen Träger­gruppe

"Alle Beratungsangebote der Diakonie stehen auch Flüchtlingen offen", darauf weist Dia­koniepastor Martin Scriba ausdrücklich hin. Im Rahmen dieser "Regeldienste" erfahren alle Hilfesuchende dort fachliche Unterstützung. Ein großes Problem sind natürlich auch hier die fehlenden Sprachmittler.

"Ich bitte daher die Menschen im Land um Unterstützung bei der Suche nach Sprachmitt­lern", sagt Diakoniepastor Martin Scriba. Gesucht werden Personen, die Fremdsprachen beherrschen (insbesondere arabisch) und die bereit sind, sich als Sprachmittler zur Verfü­gung zu stellen. Rückmeldungen nimmt das Diakonische Werk Mecklenburg-Vorpommern e. V. unter info@diakonie-mv.de entgegen.

Allgemeine Soziale Beratung, Schwangerschafts­konfliktber­atung, etc.

Die Allgemeine Soziale Beratung, die Schwangerschaftskonfliktberatung, oder die Ehe-, Familien und Lebensberatung, etc. können auch von geflüchteten Menschen aufgesucht werden. Alle Einrichtungen sind unter www.diakonie-mv.de/diakonie-vor-ort gelistet.

Jugendhilfeeinricht­ungen der evange­lischen Träger­gruppe

Die Jugendhilfeeinrichtungen der Evangelischen Trägergruppe haben sich mit der Frage der praktischen Umsetzung der Aufnahme, Unterbringung und Betreuung unbegleiteter ausländischer Kinder und Jugendlicher auseinander gesetzt. Aktuell werden die Integrati­onsmöglichkeiten in Verbindung mit den Hilfen zur Erziehung, der Jugendberufshilfe sowie Schulso­zialarbeit überlegt.

Die Jugendhilfeeinrichtungen sind auch bereit, im Rahmen ihrer Platzkapazitäten, Plätze für unbegleitete minderjährige Ausländer zur Verfügung zu stellen. Allerdings sind die Platzkapazitäten leider sehr begrenzt.

"Sollte es zur Verteilung von unbegleiteten minderjährigen Ausländern nach dem Königs­teiner Schlüssel kommen, wird Mecklenburg-Vorpommern große Schwierigkeiten bei der Un­terbringung bekommen", befürchtet Diakoniepastor Martin Scriba.

Kindertagesstätten

Auch die Kindertagesstätten der Diakonie nehmen Flüchtlingskinder auf. Eine entspre­chend große Nachfrage, ist zu verzeichnen. Mittlerweile stoßen die Kindertagesstätten an ihre Aufnahmekapazitäten und es muss mit Wartezeiten gerechnet werden. Wir gehen da­von aus, dass neu in zusätzliche Kindertagesstättenplätze investiert werden muss und die entsprechenden Planungen überarbeitet werden müssen.

Ärztliche Versorgung für Flüchtlinge im Dietrich Bonhoef­fer Klinikum Neu­brandenburg

Für die Flüchtlinge in der Gemeinschaftsunterkunft in Neubrandenburg wird die Erstunter­suchung durch das Dietrich Bonhoeffer Klinikum unterstützt (vor allem durch die Radiolo­gie).

Gemeinsam mit dem Gesundheitsamt, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Stadt u. a. wird eine spezielle Ambulanz aufgebaut. Das Dietrich Bon­hoeffer Klinikum hat hier die Fe­derführung, leistet organisatorische Hilfe und ist Anstel­lungsträger für Ärzte und medizini­sches Personal. Ziel hier: die örtlichen Arztpraxen und die Notaufnahme soll entlastet wer­den und die Ambulanz 4-5 Stunden täglich geöffnet sein. 4 x die Woche soll für 3 Stunden eine Sprechstunde eingerichtet werden (bei Bedarf auch mehr). Abgerechnet werden die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. D. h. der Sozialhilfeträger erstattet die Behandlungskosten für die Notversorgung.

Im Klinikum stehen u. a. arabisch sprechende Ärzte zur Verfügung. Im Aufbau ist ein Inter­net-Sprachmittler Dienst via google und Skype. Mit deren Hilfe und bei Berücksichtigung der Schweigepflicht können Ärzte und Patienten so die Sprachbarrieren überwinden.

Heraus­forderung Ehrenamt

In Deutschland engagieren sich viele Menschen selbstverständlich für Flüchtlinge. Die Freiwilligen brauchen Informationen über kulturelle Hintergründe, aber auch über die rechtlichen Grundlagen im Asylrecht. Aber sie müssen auch wissen, wann eine Weiterlei­tung an hauptamtliche Mitarbeitende erforderlich ist, beispielsweise bei Anzeichen von Traumatisierung und bei besonderen Bedarfen.

"Wir brauchen viele Freiwillige die bereit sind, sich einzusetzen und mehr Hauptamtliche, die auf kluge Weise und durch eine verstärkte Koordination freiwilliges Engagement abfor­dern", sagt Diakoniepastor Martin Scriba.

Hierfür hat das Diakonische Werk Mecklenburg-Vorpommern e. V. Anfang des Jahres mit Hilfe der Nordkirche den Fachbereich Ökumenische Diakonie, Migration und Flucht einge­richtet. Es sind hier sind Mit­arbeitende angestellt, die im Bereich der interkulturellen Bil­dung aktiv sind. Gemeinsam mit der Diakonischen BildungsZentrum gGmbH werden ver­schiedene Bildungsprogramme angeboten.

Flüchtlings­ursachen bekämpfen

60 Millionen Menschen auf der Flucht zählt das UN-Flüchtlingshilfswerk weltweit. 80 Pro­zent davon von ihnen suchen Zuflucht in Entwicklungsländern.

Die meisten Menschen fliehen vor Kriegen, Gewalt, Verfolgung und schweren Menschen­rechtsverletzungen. Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Afghanistan, Eritrea sind hier nur einige Namen. Syrien und Irak sind die ganz großen.

Friedensentwicklung ist ein wichtiger Schlüssel. Ebenso wie Erziehung zu Toleranz, De­mokratie und Achtung der Menschenrechte.

Nötig wäre, die Ausfuhr von Kriegsgütern in die Krisenregionen konsequent zu unterbin­den. Die meisten Zivilisten werden durch Kleinwaffen getötet – jede dritte stammt aus deutscher Produktion.

Auch die Weltwirtschaft braucht eine Struktur, die es ermöglicht, dass die Ärmsten der Ar­men gute Lebensmöglichkeiten haben. Hier müssen auch deutsche Unternehmen Verant­wortung übernehmen. Landraub und rücksichtslose Ausbeutung der Bodenschätze mit Verdrängung der angestammten Bevölkerung führen ebenso zur Flucht wie die Folgen des Klimawandels mit großen Dürren oder heftigen Überflutungen.

"Dazu müssten wir jedoch in Europa unseren Lebensstil ändern", mahnt Martin Scriba. "Wenn wir bereit z. B. sind, faire Preise für unsere Kleidung oder unser Mobiltelefon zu zahlen, könnten viele Menschen ein nachhaltiges Auskommen in ihrer Heimat finden" so der Diakoniepastor.

Weitere Informationen und Hintergründe:
www.brot-fuer-die-welt.de

Diakonie Kata­strophenhilfe

Seit Beginn des Krieges in Syrien und im Irak unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe mit etwa 15 Millionen Euro die Partnerorganisationen vor Ort in Syrien, Jordanien, Liba­non, Türkei, Irak und Nordafrika und hilft damit über einer halben Million Menschen. Um noch mehr Menschen zu erreichen, ist die Diakonie Katastrophenhilfe zusammen mit ihren Partnern auf Spenden angewiesen.
Weitere Informationen: www.diakonie-katastrophenhilfe.de

Spendenkonto Diakonie Katastrophenhilfe:

Evangelische Bank | IBAN: DE68520604100000502502
BIC: GENODEF1EK1

Jüdisch-christli­che Tradition

Diakoniepastor Martin Scriba dankt allen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiten­den für ihr Engagement für Flüchtlinge und Asylsuchende und betont: "Dieses Engage­ment für den Fremden hat seine Wurzeln in der jüdisch-christlichen Tradition, die diese Werte entscheidend geprägt hat."

z. B. Ex 22,20: "Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen."

oder Mt 25,31-46: Jesus Christus spricht: "(...) Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. (...) Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brü­dern, das habt ihr mir getan."

ms/ch 22.09.2015

 

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